
USA Nordwesten: Der Kontrast zwischen Portland und den idyllischen Weinbergen
Hipster-Kultur, harte Realität und ein idyllischer Zufluchtsort: Heute steht mit Portland die größte Metropole Oregons auf meinem Plan – eine Stadt, die in Reiseführern oft für ihre liberale Lebensart, ihre legendäre Food-Truck-Szene und die grüne Hipster-Kultur gefeiert wird. Doch mein Ausflug in die City konfrontiert mich ungefiltert mit den tiefen gesellschaftlichen Kontrasten der amerikanischen Westküste. Umso schöner ist es, dass der Roadtrip am Nachmittag die perfekte Reissleine bietet: Ein spontaner Abstecher führt mich in die malerischen Weinberge des Willamette Valley, wo der Tag bei spätsommerlichem Sonnenschein ein absolut friedliches Ende findet.
Vom Duft der Freiheit und dem Geist von „Keep Portland Weird“
Nach dem Frühstück verliess ich den Campground und stieg für den heutigen Städtetrip in den flexibleren Mietwagen um. Die Fahrt nach Portland dauerte rund 45 Minuten. Genau wie in den vergangenen Tagen führte mich die Route an riesigen Feldern vorbei, auf denen ganz legal Cannabis für den Konsum angebaut wird. Es ist wirklich faszinierend: Schon lange bevor man die eigentlichen Plantagen überhaupt sieht, breitet sich dieser unverkennbare, intensive Geruch im Cockpit aus. Die Felder kommen komplett ohne Sicherheitszäune aus.

Ein kurzer Blick in die lokale Recherche erklärte mir auch, warum: Durch die umfassende Legalisierung in Oregon kam es zu einem regelrechten Boom und massiven Überkapazitäten von rund 400.000 Kilogramm. Bei diesen extrem niedrigen Marktpreisen lohnt es sich für die Farmer schlichtweg nicht, Geld in teure Zäune zu stecken.
Mein erstes Ziel in der Stadt war der berühmte Saturday Market (der praktischerweise auch sonntags stattfindet). In unmittelbarer Nähe fand ich auf einem der vielen privaten Parkplätze sofort eine Lücke. Der Tarif überraschte mich absolut positiv: Gerade einmal $8 kostete das Ticket, und das hätte sogar bis zum Sonntag gegolten. Ein wirklich fairer Deal, der perfekt zu Portlands entspanntem Image passt, das die Einwohner hier stolz unter dem inoffiziellen Stadtmotto „Keep Portland Weird“ (Halte Portland skurril) pflegen.
Die ungeschönte Realität von Old Chinatown
Ich machte mich zu Fuss auf den Weg in Richtung des Marktes. Der Saturday Market selbst versprühte eine tolle Atmosphäre mit unzähligen kleinen Ständen, die Streetfood, Getränke und lokales Kunsthandwerk anboten. Parallel fand am Ufer des Willamette River gerade ein Citylauf statt, bei dem die Läufer den Markt passierten. Ein Team blieb mir besonders im Gedächtnis: Eine Gruppe hatte sich stilecht in die Kostüme bekannter Comic-Helden geschmissen und rannte als Duo aus zwei Spidermans, Flash, Captain America und Wonder Woman an den Zuschauern vorbei.

Als ich den Markt kurz verliess, um durch den angrenzenden Park (Japanese American Historic Plaza) zu schlendern und das ikonische, leuchtende Portland-Sign auf dem Dach des White-Stag-Gebäudes zu fotografieren, wurde die Kehrseite der Metropole schlagartig sichtbar. Beim Einbiegen in eine Strasse von Old Chinatown traute ich meinen Augen kaum: Auf beiden Gehsteigen der Couch Street campierten unzählige Obdachlose in Zelten, auf alten Matratzen oder direkt auf dem nackten Beton. Viele der Personen waren sichtlich schwer berauscht und völlig verwahrlost.
Es war unheimlich traurig und bedrückend – ein Anblick, der mir in diesem Moment die unbeschwerte Stimmung in Portland gründlich verdorben hat. Das war keine abgelegene Hintergasse, sondern eine der historischen Strassen direkt am Flussufer. Der Geruch nach menschlichen Ausscheidungen lag in der Luft. Mir war in diesem Moment sofort klar: Nichts wie weg hier.


Stilvoller Kaffee im Mekka der Food-Carts
Ich nahm die nächste Querstrasse zurück zum Markt und flüchtete mich erst einmal in die Hallen des nahen Pine Street Market. Bei einem wohlverdienten Mittags-Burger überlegte ich, wie ich den restlichen Tag retten könnte. Mir ist natürlich bewusst, dass die Menschen in den USA aufgrund explodierender Mieten – angetrieben durch die boomende Tech-Szene – rasend schnell in der Obdachlosigkeit landen, selbst wenn sie einen Job haben. Portland ist eigentlich weltberühmt für seine riesigen „Food Cart Pods“ – ganze Parkplätze voll mit fantastischen, unabhängigen Essenswagen, die das Herz der kulinarischen Szene bilden. Doch im Angesicht der harten Realität in Chinatown fühlte ich mich in dieser Umgebung einfach absolut unwohl.










Ich beschloss, nur noch ein paar ausgewählte Punkte anzusteuern und der Stadt dann bald den Rücken zu kehren. Mein nächster Halt war das Café Barista im trendigen Pearl District – ganz in der Nähe von Powell’s City of Books, der flächenmässig grössten unabhängigen Buchhandlung der Welt, die einen ganzen Straßenblock einnimmt. Das Café war ein extrem stylischer Laden mit fantastischem Kaffee. Bei entspannter Musik sass ich am Fenster, beobachtete das Treiben auf der Strasse und konnte ein wenig herunterfahren.



Danach schlenderte ich zum Pioneer Courthouse Square, dem „Wohnzimmer der Stadt“. Dieser Bereich liegt inmitten einer sehr angenehmen, gehobenen Gegend. Ich bimmelte ein wenig durch die Strassen und warf auch einen Blick in den dortigen Apple Store. Der Laden war gerammelt voll, da exakt an diesem Wochenende der Verkauf der neuesten iPhone-Generation gestartet war. Der Andrang war so enorm, dass sogar eine Beamtin des Portland Police Departments im Store präsent war, um für Ordnung zu sorgen.



Flucht ins Idyll: Die Durant at Red Ridge Farm
Zurück am Auto wollte ich eigentlich noch den berühmten Aussichtspunkt über der Stadt ansteuern, den man normalerweise mit der Seilbahn (South Waterfront Tram) erreicht. Da ich ohnehin mit dem Wagen unterwegs war, wollte ich einfach direkt den Berg hinaufdüsen. Vor Ort zeigte sich jedoch, dass auf dem Hügel riesige Krankenhauskomplexe liegen und die Zufahrt zur Aussichtsplattform für den Durchgangsverkehr gesperrt war. Als ich mich zu allem Überfluss auch noch verfuhr und ungewollt direkt wieder bergab geleitet wurde, strich ich Portland endgültig von meiner Liste.
Ich verabschiedete mich von der Stadt und steuerte ein Weingut an, von dem ich im Vorfeld gelesen hatte: die Durant at Red Ridge Farm in der Nähe von Dayton.



Was für eine Wohltat! Die Fahrt in die sanft geschwungenen Weinberge des Willamette Valley war wie Balsam für die Seele. Oregon ist weltbekannt für seinen erstklassigen Pinot Noir, und das sieht man der Landschaft an. Am Weingut angekommen, unternahm ich einen ausgiebigen Spaziergang auf dem dortigen Rundweg. Der Blick schweifte über endlose Weinstöcke, friedlich grasende Schafe und liebevoll angelegte Gärten. Ein gigantischer, wunderschöner Kontrast zum harten Pflaster der Grossstadt, der mir unglaublich gut gefallen hat.

Den perfekten Tagesausklang genoss ich schliesslich zurück auf meinem Campingplatz in der warmen Spätnachmittagssonne. Da der Silver Spur RV Park über einen kleinen Pool und einen Hot Tub verfügt, gönnte ich mir am Abend noch ein langes, wunderbar entspannendes Bad im heissen Whirlpool. So fand dieser Tag voller extremer Kontraste doch noch ein rundum glückliches und versöhnliches Ende.
Entfernung: Silver Spur RV Park – Portland – Silver Spur RV Park (220 km – 136 mi)
Übernachtung – Campground:
Silver Spur RV Park
$55 (50 €) pro Nacht
Dieser Campground liegt an der Oregon 213 kurz nach Salem. Von hier aus kann man das Woodburn Premium Outlet, verschiedene Weingüter und auch Portland sehr gut erreichen. Der Campground hat einen komplett neuen Teil, der zwar neben der Strasse liegt, aber für uns ging es. Es gibt auch einen Pool und einen Hot Tub, die unmittelbar an dem neuen Gelände liegen. Uns hat es hier gefallen und wir haben sogar den angebotenen Hot Tub nutzen können.
Empfehlung: ★★★★☆
Wir würden ihn wieder buchen. Er ist ordentlich und sauber. Ausserdem günstiger wie andere Campgrounds in und um Portland, die keine guten Bewertungen hatten. Ausserdem konnten wir hier gut mal wieder Wäsche waschen, was in den State Parks nahezu nie möglich war.


